Scheitern. Ramadan im Selbstversuch #5

Diesen Blogbeitrag habe ich einige Tage vor mir her geschoben. Ich berichte nicht gerne von Niederlagen, vor allem nicht, wenn es meine eigenen sind. Aber in diesem Fall führt kein Weg dran vorbei, zumal mein Experiment ja nun mal unglücklicherweise nicht im stillen Kämmerlein stattfand, sondern journalistisch von mir begleitet wurde. Gerne hätte ich das über einen längeren Zeitraum gemacht, am allerliebsten natürlich über die volle Distanz. Über 30 Tage. Aber dazu wird es nicht mehr kommen. Ich habe das Fasten abgebrochen, am vergangenen Dienstag schon, nach gerade mal vier Tagen. Obwohl ich gerne von mir behaupte, dass ich hart im Nehmen bin, war mir das, was viele der 1,9 Milliarden Muslime weltweit einmal jährlich auf sich nehmen, dann doch zu hart. Magenknurren von morgens bis abends. Ständige Müdigkeit. Dazu häufig Kopfschmerzen, vermutlich als Folge des Flüssigkeitsmangels.

„Dir hat einfach der religiöse Überbau gefehlt“, befand eine kluge Freundin, die dieser Tage bei mir zu Gast war. „Der Glauben. Und die Gemeinschaft mit anderen Fastenden.“ Damit hat sie, die selbst nicht glaubt, den Nagel vermutlich auf den Kopf getroffen. In meinem Freundeskreis gibt es keine Muslime. Und auch jenseits des Islam spielt Religion kaum eine Rolle. Religion ist höchstens dann mal Thema, wenn jemand aus der Kirche ausgetreten ist. Ob es im Islam eine Entsprechung unserer Kirchensteuer gibt? Muss ich unbedingt meinen Ramadan-Coach mal fragen. Apropos Ramadan-Coach: Der hatte ebenfalls bis gestern ein paar Tage nichts von mir gehört. Als er sich dann mit der Frage „Und, was macht das Experiment?“ per Messenger meldete, musste ich kleinlaut gestehen, dass das Experiment bereits beendet war. Er äußerte Verständnis. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sich viel Zeit genommen hatte, um meine zahlreichen Fragen zu beantworten. Weil er immer ansprechbar war. Weil er versucht hatte, mich so gut es eben ging zu unterstützen. Schwach war nur eine: ich.

Während der vier Tage, an denen der Hunger nicht von meiner Seite wich, waren viele Dinge, die mein Leben lebenswert machen, nicht möglich. Frühstück mit einer Freundin? Nicht möglich. Sport am frühen Abend? Nicht möglich. Einkehr während einer Wanderung? Leider auch nicht möglich. Natürlich ist das Sinn und Zweck der Übung. Man soll auf etwas verzichten, was einem wichtig ist, was man gerne tut. Man soll nachempfinden, wie es Menschen geht, die Hunger und Durst leiden. Warum, so fragte ich mich, fällt das gläubigen Muslimen offenbar leichter als mir. „Könnte auch mit den Gebeten zu tun haben“, mutmaßte die kluge Freundin. „Die geben dem Tag ja eine Struktur. Man sieht nicht die volle Distanz von 13 und mehr Stunden, in denen man nicht essen und trinken darf, sondern immer nur die Zeit bis zum nächsten Gebet.“ Damit könnte sie abermals Recht haben. Ich dachte an meine Strategie beim Schwimmen. Eine Zeit lang bin ich regelmäßig zwei Kilometer weit geschwommen. Das sind 40 Bahnen im 50-Meter-Becken. Immer, wenn ich das Schwimmbad betrat und von einem Beckenende zum anderen schaute, erschien mir das unendlich weit, quasi nicht machbar. Also setzte ich mir Zwischenziele. Du schwimmst auf jeden Fall zehn Bahnen, sagte ich mir. Wenn ich die zehn Bahnen geschafft hatte, erhöhte ich auf 20. Und so weiter. Am Ende habe ich die 40 Bahnen immer geschafft. Jedes einzelne Mal. Danach habe ich oft erst mal zwei Schokoriegel verschlungen, weil ich so hungrig war.

Überhaupt scheint Essen eine ziemlich wichtige Rolle zu spielen in meinem Leben. Den Satz des ehemaligen Supermodels Kate Moss, die äußerste, nichts schmecke so gut wie es sich anfühle, dünn zu sein, würde ich nicht unterschreiben. In den vergangenen Tagen habe ich mir vieles, an das ich während meines kurzen Fasten-Intermezzos nur denken konnte, gegönnt. Die erste Eisschokolade des Jahres zum Beispiel. Ich habe sie während eines Zwischenstopps im Rahmen einer langen Radtour getrunken. Die Tour war so anstrengend, dass ich sie fastend auf keinen Fall geschafft hätte. Mein Leben hat mich wieder. Ich bin ein bisschen enttäuscht von mir selbst, weil ich nicht durchgehalten habe. Aber auch froh, dass es vorbei ist. Heute wäre Tag 9 gewesen. Tag 9 von insgesamt 30.

2 Kommentare

Kommentieren

Liebe Alexandra,

ich finde es großartig, dass Du Dich zu Deinem Scheitern so öffentlich bekennst – und dass ich das nicht als Scheitern lese, sondern es sehr mutig finde, offen zu bekennen, dass man es nicht geschafft hat.

Ich war gestern Abend zum Iftar eingeladen, von Herrn K., den ich seit Jahren gut kenne, er macht Öffentlichkeitsarbeit für eine Düsseldorfer Moschee.
Wir haben auch über Deinen Selbstversuch gesprochen, und ich habe die Schwierigkeit und Herausforderung dieses Unterfangens benannt, und er sagte – wie Deine Freundin – dass es ihm und den Muslimen leichter falle, zu fasten, weil sie den religiösen Unterbau haben. Und die Gemeinschaft. Und die Übung.

Also: Chapeau zu Deinem Selbstversuch!

Bei mir hätte sich der Kühlschrank schon nach vier Stunden von selbst geöffnet und leise gewispert: „Komm, doch, lieber Dirk, komm doch, hier warten so wundervoll-leckere Dinge auf Dich …!“

Beim Bergaufradeln mache ich es wie Du: Kleine Ziele setzen. Die nächste Serpentine noch, und wieder die nächste.
Herzliche Grüße
Dirk

Liebe Alex,

als Du das erste mal von Deinem Ramadan Projekt geschrieben hast, dachte ich nur „Wow“. Und hochinteressant. Und ganz bestimmt anstrengend.
Ich muss zugeben, daß ich mich noch nicht so intensiv darüber beschäftigt haben. Obwohl wir eigentlich Nachbarn sind und es leider nicht so mitbekommen.

Daß Du auch noch einen lieben Menschen gefunden hast, der dich dabei als Coach betreuen will. Erst dann merkte ich, daß es eigentlich wie unsere Fastenzeit nicht so ohne ist. Und durch Deine Erfahrungen gemerkt haben, ich würde das nicht mal ansatzweise schaffen. ( Viel zu verwöhnt )
Vielleicht hätte man es mit der entsprechenden Vorbereitung ( Heilfasten, Askese, strenge Diäten ) Monate oder Jahre geschafft. Aber wer denkt an sowas. Daß es nicht mal eben nur weniger Essen und Trinken tagsüber ist.

Du mit uns Deine Erfahrungen, Selbstzweifel geteilt hast und nicht aufgeben wolltest.
Und ich glaube auch, daß man in den Ramadan heineingeboren werden muss, um diesen im Kreise der Familie zusammen zu begehen. Von Kindesbeinen an und auch mit der entsprechenden Vorbereitung.
Was für unsere Muslimischen Nachbarn irgendwie normal ist ( oder eventuell halt auch doch anstregend ist ). Aber bedingt durch den Glauben ein wichtiger Bestandteil ist.

Deshalb, Du hast meine Hochachtung, daß Du es mit der üblichen Ernsthaftigkeit angegangen bist, mit dem festen Vorsatz es bis zum ( bitteren ) Ende durchzuhalten. Aber, wenn es körperlich nicht mehr geht, dann muss man die Notbremse ziehen. Und das ist auch wichtig.

Ich bedanke mich schon mal über deine geteilten Erfahrungen und weiß nun, was zu einem Ramadan wirklich alles gehört und daß die Menschen in dieser Zeit auch unseren Beistand und Respekt brauchen.
Auch auch die Wertschätzung

Also, geniesse den Frühling, wieder das eine oder andere ausserordentlich leckere Eis und von mir kommt ein dickes Dankeschön

Michael

Schreibe einen Kommentar